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05Juni

Von wegen perfekt!

Von wegen perfekt!
Vom Perfektionswahn zur kollektiven Unzufriedenheit.

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Es ist schon einige Jahre her, da kam in mir die Frage auf, warum ich mir mit dem Layout und der Erstellung meiner Internetseite immer so schwertat. Bei Kundenprojekten hatte ich meist sofort ein klares Bild vor Augen und die Arbeit lief bereits von der Planungsphase an wie geschmiert. Doch meine eigene, Fehlanzeige. Ich erstellte einen Entwurf nach dem anderen, aber kein Design war perfekt genug. Vielleicht hier noch etwas ändern oder da leicht anpassen. Immer wieder entdeckte ich kleine Fehler, die außer mir, wohl niemand sonst wahrnahm. Jedoch sah ich sie und das ließ mir damals keine Ruhe. Ich benötigte stets gut die doppelte, manchmal sogar die dreifache Zeit, die ein „normales“ Projekt in Anspruch genommen hätte.

Eine ähnliche Unzufriedenheit, wie ich sie damals in eigener Sache empfand, begegnet mir heute leider wieder fast täglich. Egal ob im Restaurant, beim Lebensmittelhändler an der Ecke, ja selbst im privaten Kreis. Nichts und niemand ist mehr sicher vor diesem Gefühl, dass sich viral auszubreiten scheint. So wie ein Lächeln, ist wohl leider auch die Frustration ansteckend, insbesondere dann, wenn man sie an anderen auslässt. Und das spüren zur Zeit vor allem die, die für Königin und König Kunde tägliche die roten Teppiche ausrollen dürfen.

In einer Zeit, in der das Fernsehen Kochen, Shopping oder Heiraten zum öffentlichen Wettbewerb erklärt hat, steigt eben nicht nur die Anzahl der selbsternannten Jurymitglieder rasant an, sondern mit ihr auch die Höhe der Messlatte für die eigenen Ansprüche. Ist die bestellte Hochzeitstorte zum Beispiel nicht so perfekt wie die aus der TV-Show, wird für Penible, der schönste Tag im Leben schnell zur herben Enttäuschung. Und schuld daran sind natürlich immer die Anderen. Durch die hohe Ansteckungsrate, gegen die leider auch kein Mund-Nasen-Schutz etwas auszurichten vermag, wächst das Heer der nörgelnden, stets unzufriedenen Perfektionisten in Deutschland offensichtlich immer schneller an.

An dieser Stelle frage ich mich, wie die Natur das eigentlich macht? Wenn ich die Blütenpracht im Frühling betrachte, zieht mich ihre Perfektion noch immer regelmäßig in ihren Bann. Jede Blüte besticht mit einer farblichen Strahlkraft, heiterer Leichtigkeit und unbeschreiblicher Eleganz, der nicht nur die zahlreichen Bienen erliegen, die sie emsig umschwirren. Doch, würde ich mir die einzelnen Blütenblätter deutlicher unter einer Lupe betrachten und miteinander vergleichen, würde ich sicherlich schnell fündig. Von wegen perfekt! Kein Blättchen ist wie das andere! Oder liegt vielleicht genau in dieser gemeinschaftlichen Einzigartigkeit das Geheimnis?

Der Drang hin zu einer gewissen Perfektion lässt sich augenscheinlich also auch in freier Wildbahn beobachten. Allerdings mit einem kleinen Unterschied: Die Natur strebt nach einer Form der harmonischen Balance und nicht nach einem von außen und meist durch andere vorgegebenen Idealbild. Und genau das hat gravierende Folgen. Während der natürliche Perfektionismus seine Befriedigung in der Selbsterfahrung und Umsetzung der individuellen „Visionen“ findet, erlebt der unnatürliche Perfektionist meist genau das Gegenteil. Das Ergebnis des eigenen Handelns oder Seins hat vor dem vergleichenden Hintergrund der anderen oft nur sehr kurze Zeit Bestand, bevor der Zustand der Unzufriedenheit das Feld wieder für sich zurückerobert. Das ständige Streben nach höher, neuer, besser, weiter mutiert für viele fast unbemerkt zum immanenten Zwang.

„Dieser Mechanismus, das eigene perfekte Ergebnis jedes Mal aufs neue überbieten zu müssen, führte mich zu einer völlig unnatürlichen Haltung. Aus einer zunehmenden Versagensangst heraus, nahm ich mir damit selbst die Chance, Fehler machen zu dürfen. Fehler, aus denen ich hätte lernen können.“
Auszug aus: Dirk Stegner „Weisheit zwischen Wald und Wiese“ 

Bildlich dargestellt, könnte man das Szenario mit dem 10m-Sprungturm im Freibad vergleichen. Während der „gesunde Perfektionist“ vielleicht beim 5m-Brett seine ideale Sprunghöhe findet und die für ihn befriedigende Erfahrung machen kann, diesen Sprung gemeistert zu haben, hat es der „ungesunde Perfektionist“ da reichlich schwerer. Er muss sich von Mal zu Mal steigern, nur um sich und anderen zu beweisen, dass er der Bessere ist. Durch den ständigen Vergleich steigt nicht nur der permanente Unzufriedenheitsfaktor, sondern nimmt mit zunehmender Sprung- beziehungsweise Fallhöhe auch die Gefahr zu, sich selbst dabei ernsthaft zu verletzen.

Wie bereits gesagt, hat diese Form der Unzufriedenheit leider ebenso immer häufiger Auswirkungen auf das soziale Miteinander. Wer sich in einem derartigen Zustand befindet, neigt vermehrt dazu, auch Mitmenschen seinen Frust deutlich spüren zu lassen. Die Palette reicht vom simplen Nörgeln, über das Herabsetzen der Leistungen anderer bis hin zur unfairen „Blutgrätsche“, um Mitstreiter aktiv aus dem selbsterfundenen Wettbewerb hinauszukicken. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Ein sportlicher und fairer Wettkampf ist sicherlich eine sinnvolle Sache und eine gesunde Portion Ehrgeiz leistet gute Dienste dabei, die eigenen Pläne konsequenter verfolgen zu können. Der Grad der Zufriedenheit mit der „persönlichen Perfektion“ hängt jedoch in hohem Maße davon ab, ob es sich beim gesetzten Ziel auch tatsächlich um ein eigenes handelt!

Für mich und meine Arbeit bedeutet dies, dass ich heute nicht mehr wie früher zwanghaft versuche, es noch besser zu machen. Der Vergleich mit anderen dient mittlerweile nicht der Bewertung eines persönlichen Perfektionsgrades, sondern lediglich der Orientierung und dem interessierten Betrachten neuer Entwicklungen. Ich habe gelernt, jenem wohligen Gefühl zu vertrauen, welches sich einstellt, sobald etwas „fertig“ ist. Für mich ist es perfekt, wenn es sich gut anfühlt und ich mit meinem Tun vollends zu frieden bin. Genau dann eben, wann immer ich ein Ziel erreicht habe. Mein Ziel.

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Dirk Stegner

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Autor & Naturcoach

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