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05Mai

Krisengedanken

Krisengedanken
Sorglos = naiv?

Erst gestern hatte ich eine kleine Unterhaltung mit einem Bekannten. Wir sprachen über dies und das. Dabei erwähnte ich beiläufig - im Nachhinein muss ich sagen, fast schon leichtsinnigerweise - dass ich mir im Hinblick auf bestimmte Dinge keine Sorgen mache. Mein Gegenüber parierte reflexartig: Sein Gesicht bekam einen ungläubigen, mich fast überheblich belächelnden Ausdruck. „Ja liest Du denn keine Nachrichten? Die Sache ist ernst, da muss man sich doch Sorgen machen! So naiv kannst Du doch nicht sein!“, schoss es aus ihm heraus. „Und was konkret denkst Du, dass sich an der Situation ändern würde, wenn ich mir jetzt auch Sorgen mache?“, fragte ich zurück.

Der kleine Dialog zeigt, wer sich keine Sorgen macht, gerät heute schnell in den Verdacht, naiv zu sein. Ein hoffnungsloser Traumtänzer, der einfach nur unfähig oder gar zu dumm ist, die Realität und seine eigene Lage richtig einschätzen zu können. Eventuell gilt man sogar als Querulant, denn man macht ja, mir nichts dir nichts, die ganze schöne negative Stimmung kaputt. Und das darf schließlich nicht sein, oder vielleicht doch?

Keine Frage, es gibt angesichts der aktuellen Situation einen ganzen Sack voller Dinge, die einem Sorgen bereiten können. Von den gesundheitlichen Schreckensszenarien, über die sozialen bis hin zu den wirtschaftlichen. Die Lage ist für jeden unbekannt und damit natürlich auch beängstigend. Man weiß nicht, wie gefährlich das alles ist, was auf einen zukommt oder wie man sich am besten verhalten soll. Ein beunruhigendes Gefühl. Schlimmer noch! Der Mangel an bekannten und erprobten Reaktionsstrategien auf die vorliegende Krisensituation ergießt sich über einen, wie ein zäher Sirup der Hilflosigkeit.

„Sich Sorgen zu machen ist wie im Schaukelstuhl zu sitzen.
Es beschäftigt einen, bringt einen aber nirgendwo hin.“
Glenn Turner

Man spürt den inneren Drang, etwas zu unternehmen, aber was? Die Antwort auf diese rhetorische Frage lautet: Sich Sorgen machen. Der Akt des sich Sorgens, liefert das besänftigende Gefühl, die begrenzende Mauer der Hilflosigkeit durch eine Form des Aktivwerdens durchbrechen zu können. Man kann anderen beweisen, „Hallo, ich kümmere mich darum. Ich bleibe nicht hier sitzen, ich tue was“. Gerade in unserer digitalen Kommunikationsgesellschaft, scheint dieser äußere Beweis einer wie auch immer gearteten Aktivität unverzichtbar, um sich nicht dem Verdacht eines naiven Nichtstuers auszusetzen.

Die Frage, die ich eingangs meinem Bekannten gestellt habe, allerdings bleibt. Alleine dadurch, dass ich mir Sorgen über etwas mache, komme ich der Lösung meiner situativen Probleme leider keinen Schritt näher. Im Gegenteil. Statt den Fokus auf mögliche Auswege zu lenken, beschäftigt sich der Sorgenmacher ständig damit, gerne auch in Gemeinschaft mit anderen, sich im Geiste alle möglichen Szenarien des Scheiterns auszumalen. Das ist das eigentliche Problem des Sorgenkonstruktes, denn es ist weder produktiv, noch in irgendeiner Weise lösungsorientiert und schon gar nicht optimistisch. Ein Ablenkungsmanöver unserer Psyche, um beängstigenden Situationen möglichst lange aus dem Weg gehen zu können.

„Die Angst hat also immer zwei Seiten. Eine, die uns erstarren, flüchten oder kämpfen lässt und eine zweite, die uns Glücksempfinden und Wachstum beschert, sobald wir die Angstsituation gemeistert und aus ihr gelernt haben. Genau diese Ambivalenz ist es, die es lohnenswert macht, auch ab und zu den Fokus zugunsten der Angst in Richtung 'hilfreicher Bote' zu verschieben, statt in ihr immer nur den unheilvollen Sorgenbringer zu sehen.“
Auszug aus: Dirk Stegner „Natur-Coaching“ 

Mein alter Fahrlehrer brachte es recht anschaulich auf den Punkt. Sein Spruch, wenn ich der Bordsteinkante mal wieder bedrohlich nahekam, war immer: „Junge, Du fährst genau dahin, wohin Du schaust!“. Heute weiß ich, dass er damit nicht nur in Bezug auf das Autofahren recht hatte. Auch in puncto Sorgenvermeidung hilft dieser Ansatz weiter. Gerade in ausweglos erscheinenden Krisensituationen gilt mehr denn je, erst einmal Ruhe zu bewahren, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nur ein wacher aufmerksamer Zustand ermöglicht es einem, die innere Stimme der Intuition überhaupt wahrnehmen zu können. Wer ständig damit beschäftigt ist, 24 Stunden lang täglich seinen Ängsten zu frönen und seine Sorgen lauthals aller Welt kundzutun, der hat erfahrungsgemäß wenig Zeit auf die eigenen Wegweiser zu achten. Um es wieder bildlich auszudrücken: Er blickt schlicht in die der Lösung abgewandten Richtung und missioniert seine Mitmenschen förmlich, es ihm gleichzutun.

Die Entscheidung zur Sorglosigkeit, ist also nicht in jedem Falle automatisch mit Naivität oder Dummheit gleichzusetzen. Nur wer bereit ist, sich „sorglos“ und ehrlich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen, kann auch die Chance nutzen, an ihnen zu wachsen und die Situation für sich damit in positiver Weise zu lösen.

In diesem Sinne wünsche ich eine möglichst sorgen- und angstfreie Woche.

angezeigt in Dies und das, Natur-Coaching


Dirk Stegner

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